Mitternachtsbibliothek

Mein Buchtipp für MQI - August 2022

Die Stadt von Walerjan Pidmohylnyi


Autor: Walerjan Pidmohylnyi

erschienen im Guggolz Verlag

Bis zum 24. Februar 2022, dem Tag des verbrecherischen Überfalls der russischen Armee auf die Ukraine, wussten wir so gut wie nichts über dieses Land. Vom einen oder anderen Fußballspieler, der bei einem Championsleague-Verein angeheuert hatte, war gelegentlich die Rede. Manche hatten von Marina Weisband gehört, einst Geschäftsführerin der Piratenpartei, später Grünenpolitikerin, heute gesuchter Talkshow-Gast, gebürtige Ukrainerin. Wenn man nachdachte, fiel einem der Maidan ein, der große Platz in Kiew, auf dem 2014 der Aufstand gegen die damalige moskauhörige Regierung ausbrach. Die Annexion der Halbinsel Krim im selben Jahr lenkte dann die Wahrnehmung auf die ukrainisch-russischen Auseinandersetzungen.

Wer den Roman „Die Stadt“ liest, taucht tief in die Geschichte und die Seele der Ukraine ein. Man erfährt vom Leben auf dem rückständigen armen Land und vom brodelnden, revolutionären Leben in der modernen Großstadt: Kiew. Der Roman spielt 1927, die Stadt kommt einem aber vor wie heute. Von manchen Plätzen und Straßen hat man in den Nachrichten gehört. Es gibt Aufzüge, Zentralheizung, Kinos.

Hauptfigur ist Stepan, ein junger Mann vom Land. Er geht in die Stadt, um den Erfolg zu suchen. Er schreibt sich an der Universität ein, der volkswirtschaftlichen Fakultät. Nebenher schreibt er Erzählungen und hat damit einen unerwarteten Erfolg. Eine Erzählung wird zu einem Drehbuch für einen Film verarbeitet – auch der finanzielle Erfolg stellt sich ein. Er wird Lektor eines großen Verlages. Er ist ein gemachter Mann. Und er hat Erfolg bei Frauen. Musinka, Nadija, Zoya heißen sie. Er himmelt sie an, beschwört seine Liebe – und lässt sie fallen, als er ihrer überdrüssig wird.

Dem aufmerksamen Leser fallen Parallelen zu einem anderen Roman der Weltliteratur auf: „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde. Auch hier ein genialischer, aber narzisstischer junger Mann, der nur sich selbst liebt, der die Menschen ins Verderben führt.

Die Konstruktion der Hauptfigur in „Die Stadt“ ist verführerisch: Sie verführt auch den Leser. Sie lockt ihn auf seine Fährte, man ertappt sich dabei, Mitleid mit ihr zu empfinden, zu hoffen, dass Stepan doch nicht so einen bodenlos schlechten Charakter hat. Vielleicht ist er ja ein anderer Mensch geworden, als er – auf den letzten Seiten des Romans – die mondäne und selbstbewusste Rita wiedertrifft, eine schöne Tänzerin, der er sofort verfällt – für wie lange?

Wenn man diesen Roman gelesen hat, weiß man mehr über dieses Land: die Ukraine. Und diese Stadt: Kiew. Oder Kyjiw, wie sie in der Landessprache heißt. Man versteht, dass die Ukraine eine eigene Geschichte hat, eine eigene Sprache, eine eigene Kultur. Und man leidet noch mehr, wenn man sieht, wie das Russland Putins dieses Land und seine Kultur vernichten will.

Der Autor Walerjan Pidmohylnyi war Lehrer und Redakteur in Kyjiw. In den 1930er Jahren durfte er nicht publizieren, er flüchtete nach Charkiw, wurde verhaftet und gefoltert. Wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung wurde er zu Lagerhaft verurteilt und 1937 hingerichtet. Wir sehen: Dem frühen russischen Kampf gegen die Ukraine ist dieser beeindruckende Autor zum Opfer gefallen – die Ukraine gehörte zur von Moskau dominierten Sowjetunion.

Ein großer Roman der Weltliteratur, zur rechten Zeit ins Deutsche übersetzt. Pflichtlektüre für alle, die den Krieg verstehen wollen.

Bernd Woidtke