jeder soll von daMein Buchtipp für MQI - Mai 2022

"Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen. Fragen nach Gott." von Navid Kermani


Autor: Navid Kermani

erschienen bei Hanser Literaturverlage

Navid Kermani ist ein deutsch-iranischer Orientalist, Journalist und Romanautor. Er hat zahlreiche Preise gewonnen, darunter 2015 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Im Mai 2014 hielt er im Deutschen Bundestag die Rede zur Feierstunde „65 Jahre Grundgesetz“, in der er die Sprache des Grundgesetzes in ihrer „Wirkmächtigkeit mit der der Lutherbibel“ (Wikipedia) verglich.

Schon hier kann man mit dem Staunen beginnen: Ein gläubiger Muslim nimmt die christliche Bibel als Referenz – ungewöhnlich. Bereits in seinem Buch „Ungläubiges Staunen – Über das Christentum“ hatte Kermani profunde Kenntnisse und einfühlsames Verstehen christlicher Kunst offenbart.

Sein aktuelles Buch „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen. Fragen nach Gott“ geht hier noch einen Schritt weiter. Die sachliche Beschreibung christlicher Ikonographie in „Ungläubiges Staunen“ weicht einer introspektiven Auseinandersetzung mit allen Weltreligionen, zuvorderst dem Islam. Introspektiv, weil wir Zeuge werden von Kermanis tiefreligiöser Haltung, die aber nichts mit Bigotterie oder tumber Buchgläubigkeit zu tun hat.

Sein literarischer Königsweg besteht darin, dass er seiner zwölfjährigen Tochter erklären soll – so will es der Opa, Kermanis verstorbener Vater -, was es mit der Religion auf sich hat. Man könnte staunen, wenn man einen so intellektuellen, hochgebildeten und rational argumentierenden Gelehrten wie Kermani als gläubigen Menschen kennenlernt. Er hilft einem gerne zu verstehen: Es gibt Untersuchungen, wonach der Anteil der religiös empfindenden Naturwissenschaftler unter allen Wissenschaftlern am höchsten sei, höher als bei Psychologen, Pädagogen, Soziologen. Warum? Weil die Naturwissenschaftler bei ihren Forschungen immer zwangsweise an die Grenzen ihrer Erkenntnis stoßen: Was war vor dem Urknall? Was steckt hinter den kleinsten Teilchen, den Bruchteilen von Atomen? Wie kann man diese Leerstellen füllen?

Kermanis Gottesbild ist ein eher mystisches. Er beruft sich oft auf den Sufismus, eine spirituelle Strömung im Islam, die vor allem die Rückführung des tyrannischen Egos und das Eins werden mit dem menschlich-göttlichen Prinzip zum Ziel hat. Kermani schildert die islamische Religion als eine menschenfreundliche, Gott sei nicht der Strafende, sondern der Ermöglichende. Während im Christentum der Mensch als sündig geboren werde, tritt er im Islam als gutes Wesen in die Welt.

Angesichts von islamistischem Terrorismus hat sich in der westlichen Welt eine negative Konnotation mit dieser Religion verbunden. Das ist Kermani durchaus bewusst, wenn er den Missbrauch des Islam in seinem Herkunftsland Iran nach der Revolution 1979 benennt. Um so mehr sollte man sein Buch zur Pflichtlektüre in jedem Religionsunterricht machen, egal ob katholisch, evangelisch, muslimisch oder jüdisch. Er zeigt das Verbindende aller Weltreligionen.

Wenn man nach der Lektüre dieser Buchkritik das Empfinden hat: Oh je, schwere Kost, lieber nicht, dann sei gesagt: Das Buch richtet sich an ein zwölfjähriges Mädchen und ist auch so geschrieben – abgesehen von ein paar Passagen, bei denen der überaus selbstironische Autor darauf hinweist, dass er sich hier gelegentlich in höhere, gelegentlich auch etwas abgehobene Argumentationen emporgedribbelt hat. Per saldo aber sehr gut lesbar.
Für mich als Kufr (->googeln!) eine der großartigsten Buchlektüren der letzten Jahre!

Bernd Woidtke